Bundeszentrale für politische Bildung klärt über Antifa auf: „Wir waren wie eine große Familie […] du musst Mitglied sein […] du musst bestimmte Farben tragen […]“

Die Extremismustheorie ist stark im kommen. Jüngst konkretisierten Medien die geplanten „Ausstiegsprogramme“ für „Linksextremisten“ – im genauen solle eine Hotline installiert werden, die Ausstiegswilligen (Links-)“Extremisten“ können ab Herbst gemeinsam mit den Spezialisten des Verfassungsschutz an der Flucht aus dem Terrormilieu arbeiten (via). – Hierbei stammen die Ausstiegsfantasien keineswegs nur aus den letzten Monaten. Bereits vor zwei Jahren veröffentlichte das Jugendmagazin „P0litik Orange“ – herausgegeben von Jugendpresse, Bundestag und Bundeszentrale für politische Bildung – ein glanzstück des investigativen Journalismus. Die Autor_innen führten ein Interview mit einem Aussteiger aus der „Antifabewegung“.

Krawall und Remmidemmi?
Adrian B. war 14 Jahre alt, als er bei seiner ersten Antifa-Demo mitmarschierte. Mit Julia Rotenberger spricht er über Krawalle, linksextremistische Dresscodes und die Gründe seines Ausstiegs aus der Szene.

Adrian, ein Jahr lang warst du Mitglied einer Hamburger Antifa-Gruppe. Wie hast du dich gefühlt?
Am Anfang haben mir die Demos großen Spaß gemacht. Für mich waren sie ein großer Egoschub, ich fühlte mich stark in der Masse. Ich fühlte mich eben wie jemand, der die Welt verändern kann.

Verfolgte die Gruppe durch die Demonstrationen konkrete politische Ziele?
Die Ziele waren oft nur grob umrissen. Meist fanden die Demos ohne ein konkretes Ziel statt, aber aus konkretem Anlass. Zum Beispiel als spontane Gegenaktion zu einem Nazi-Aufmarsch. Anfangs hatte ich schon das Gefühl, in der Antifa bestimmte politische Ziele zu verfolgen. Wir wollten die Leute über die rechte Szene aufklären. Mittlerweile weiß ich, dass dort meistens bloße Gewalt ohne politischen Hintergrund herrscht.

Heute distanzierst du dich von der Antifa. Was hat dich damals zum Beitritt bewogen?
Was mich damals beeindruckte, war die Brutalität, der Radikalismus und die Durchsetzungskraft der Antifa. Innerhalb der Organisation herrschte ein starker Zusammenhalt, es gab keinen Verrat. Wir waren wie eine große Familie.

Wie ist die Organisation strukturiert?
Es gibt einen festen Kern von etwa zehn Leuten, die sich aber nicht zeigen. Ich habe gehört, dass diese sich auch in der rechten Szene bewegen. Sie informieren andere Antifa-Aktivisten über die Aktionen, die von den Rechtsextremisten geplant werden, und organisieren Gegenschläge. Die offizielle Arbeit, wie das Verteilen von Flyern bei angemeldeten Demos, wird von Leuten übernommen, die noch nicht polizeilich auffällig geworden sind.

Gibt es Regeln, um bei einer Antifa-Aktion teilnehmen zu können?
Du musst Mitglied sein. Ein vermummtes Gesicht ist Pflicht und du musst auch bestimmte Farben tragen: Schwarz und Rot. Außerdem kriegt jeder die Telefonnummer eines bestimmten Anwalts, den er anrufen soll, wenn er von der Polizei festgenommen wurde.

Wo siehst du die Antifa im politischen System?
Nirgendwo. Die Antifa ist ein System für sich. Durch die Parteien fühlen sich die meisten Mitglieder nicht vertreten. Eigentlich glauben sie, die Einzigen zu sein, die etwas gegen Rechtsradikalismus unternehmen. Sie sind wütend auf den Staat, weil sie glauben, dass er zu lasch mit den Rechten umgeht. Deswegen richtet sich die Antifa nicht nur gegen Rechtsradikale, sondern auch gegen den so genannten Polizeistaat. Oft setzen die Mitglieder Polizisten mit Faschisten gleich. Überhaupt sind Hass und Angst vor der Polizei die zwei tragenden Säulen der Antifa.

Spiegelt sich diese Einstellung in der Ideologie der Antifa wieder?
Die Antifa folgt keiner klar definierten Ideologie: Irgendwie ist es ein Mix aus allem. Als Vorbilder dienen historische Figuren wie Marx, Lenin oder Che Guevara. Dabei ist das Charisma der Figur entscheidend, nicht nur die Ideen, die sie vertreten hat.

Was war nach einem Jahr der Anlass für deinen Ausstieg?
Das Hamburger Schanzenfest 2005. Es gab heftige Krawalle. Polizisten wurden verletzt. Als ich dann in dem ganzen Tumult die Polizei mit den Wasserwerfern sah, fragte ich mich, was wir eigentlich mit all den Protesten erreichen wollten. Mir wurde klar, dass sie nichts bringen. Als Linker muss man vor allem tolerant sein und auch konservativere Einstellungen dulden. Bei der Antifa ist das aber nicht der Fall. Sie duldet keinen Widerspruch.

Die Highlights sind fett markiert. Dank an sans classe - (via).


2 Antworten auf „Bundeszentrale für politische Bildung klärt über Antifa auf: „Wir waren wie eine große Familie […] du musst Mitglied sein […] du musst bestimmte Farben tragen […]““


  1. 1 phex 06. Juli 2010 um 0:53 Uhr

    ähm… lol

  2. 2 Reflexion 07. Juli 2010 um 19:18 Uhr

    Großartig :d

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